Dr. Anna Veronika Wendland

Curriculum Vitae


Seit 2009 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und Lehrbeauftragte an der Uni Gießen. 2006-2008 an der LMU München, 1997-2003 am Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas; zwischen 2001 und 2006 Elternzeiten mit den drei Söhnen. Promotion 1998 an der Uni Köln über "Die Russophilen in Galizien. Ukrainische Konservative zwischen Österreich und Russland 1848-1915" (Fritz-Theodor-Epstein-Preis 2000 des VOH). Forschungsaufenthalte in St.Petersburg, Kiew, Lemberg/Lviv, Vilnius, Wien. 1985-1993 Studium der Osteuropäischen Geschichte, Politikwissenschaft und Slavistik an der Universität zu Köln, Akademisches Jahr an der Taras-Ševčenko-Universität in Kiew.


Forschungsprojekt am Kolleg


Lemberg und Wilna, zwei Großstädte an der Peripherie ost(mittel)europäischer Imperien und Staaten, waren bis zum Zweiten Weltkrieg multilinguale und multikonfessionelle Stadtgesellschaften. In den mehrheitlich von Polen und Juden sowie signifikanten ukrainischen, armenischen, weißrussischen und litauischen Minderheiten bewohnten Städten wurde Urbanität als spezielle Lebensform und urbane Identität als ein kulturelle Identitäten transzendierendes Bekenntnis im Laufe des 20. Jh. massiv in Frage gestellt. Das "Zeitalter der Extreme" (Hobsbawm) machte die Städte zum Schauplatz konkurrierender Integrationsprojekte, die von den Nationalbewegungen der Polen und Ukrainer (Lemberg) bzw. Litauer (Wilna), von Besatzungsmächten im Kriege, von imperialen und nationalstaatlichen Behörden (Österreich-Ungarn, Russländischen Reich bzw. Sowjetunion; Polen der Zwischenkriegszeit) vorangetrieben wurden.
Dabei kam es zu Prozessen der gegenseitigen Ergänzung, latenten Konkurrenz sowie Transformation urbaner, nationaler und imperialer Identitäten. Städtische Akteure waren dabei vielfältig in nationale und imperiale Integrationsvorhaben eingebunden. Unter sowjetischer und deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs sowie in der unmittelbaren Nachkriegszeit hielt der urbane Zusammenhalt exogenen Belastungen nicht stand. Die jeweiligen Stadtgesellschaften wurden durch die Ghettoisierung und Ermordung der Juden sowie die Deportation der überwiegenden Mehrheit der polnischen Städter ins nach Westen "verschobene" Polen fast vollständig ausgelöscht. Unter sowjetischer Herrschaft kam es zu einem weitgehenden Bevölkerungsaustausch und zur Neubesiedlung der Innenstädte durch Ukrainer bzw. Litauer aus dem Umland sowie russischsprachige Funktionseliten aus dem Inneren der Sowjetunion. Gleichzeitig waren beide Städte Objekt neuartiger Integrationsversuche, welche die städtischen Strukturen und die neuen Bewohner ins System einbinden sollten. Bei der Schaffung der sowjetisch-"sozalistischen Stadt" spielten nationale Kriterien gleichwohl weiterhin eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig sind aber auch Prozesse der Aneignung und Anverwandlung der alten Stadtlandschaften durch neue Akteure und ein unterschwelliges Weiterwirken bzw. eine Neurezeption städtischer Traditionen und Identitäten aus der Vorkriegszeit zu beobachten, die schließlich zur Genese neuer Urbanitätsformen beitrugen.
Die am Imre Kertész Kolleg entstehende Monografie untersucht in komparativer Absicht und über gängige Periodisierungsgrenzen hinweg, wie sich bestimmte Formen städtischen Lebens und Konzeptionen von Urbanität sich unter extrem variierenden Bedingungen herausbildeten, bewährten oder auch scheiterten. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen und identitären Transformationsprozessen, Traditionsbrüchen und Neuanfängen sowie den Auswirkungen von Territorialisierungsregimes, Gewalt- und Diktaturerfahrungen in ostmitteleuropäischen Städten. Sie ist somit an einer wichtigen Schnittstelle mehrerer Forschungsschwerpunkte des Imre Kertész Kollegs angesiedelt.


Forschungsschwerpunkte


Geografisch:

  • Ukraine
  • Polen
  • baltische Länder bzw. Russländisches Reich / Sowjetunion


Chronologisch:

  • 18.-21. Jahrhundert


Thematisch-methodisch:

  • Nationalismus und Nationsbildung
  • Stadt- und Regionalgeschichte
  • Transnationale Geschichte und Kulturtransfergeschichte
  • Visuelle Geschichte
  • Erinnerungskulturen und Erinnerungsorte
  • Historiografiegeschichte
  • Raumkonzepte und Kartografie
     



Funktionen/Mitgliedschaften


  • Mitherausgeberin der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung (ZfO)
  • Advisory Board, Center for East Central European Urban History / Lvivcenter, Lviv
  • J.G.-Herder-Forschungsrat