Dr. Anna Machcewicz

Curriculum Vitae

Anna Machcewicz ist Historikerin und Journalistin. Sie wurde vom Politikwissenschaftlichen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften promoviert; ihre Dissertation trägt den Titel Rebellion: Streiks in der Dreistadt im August 1980. Ihre erste Monographie ist eine Biographie über Kazimierz Moczarski, polnischer Journalist und ein wichtiges Mitglied des polnischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzung, der fast elf Jahre in einem kommunistischen Gefängnis verbrachte (davon zehn Monate mit dem Nationalsozialisten Jürgen Stroop, die er in seinem berühmten Buch Gespräche mit dem Henker beschreibt). Ihr zweites Buch, Briefe aus dem Gefängnis von Zofia und Kazimierz Moczarski, wurde im Jahr 2016 von der Polityka" ausgezeichnet. Anna Machcewicz arbeitete im Museum der Geschichte Polens sowie im Museum des Warschauer Aufstandes als Koordinatorin und Lektorin an vielen Projekten mit und war außerdem als freiberufliche Journalistin für das öffentlich-rechtliche polnische Fernsehen, die BBC sowie für die Zeitungen Polityka, Tygodnik Powszechny und Newsweek tätig.

Forschungsprojekt am Kolleg


Das Gefängnissystem und die Arbeitslager, die in Polen zwischen 1944 und 1956 existierten, dienten als Ort der Nachkriegsvergeltung, der politischen und ideologischen Repression sowie als Instrument zur Terrorisierung der Bevölkerung. Diese Funktionen sind bereits erforscht worden. Ich möchte jedoch einen Schritt weitergehen und mich auf das Alltagsleben in den Gefängnissen und Arbeitslagern konzentrieren, das heißt, auf das Funktionieren des Individuums in einem geschlossenen Gefängnis-Mikrokosmos. Die Welt der Gefängnisse und Arbeitslager erfordert die genaue Analyse des Verhaltens des Individuums in einer Situation extremer Unterdrückung und seiner oder ihrer Fähigkeit, sich anzupassen und Überlebensregeln sowie -strategien zu entwickeln. In den Berichten, die ich bereits von ehemaligen Häftlingen sammeln konnte, kann man viele wichtige Aussagen finden. So zum Beispiel: "Gefängnis ist nicht Leben", "Um zu überleben, sollte man vergessen, was außerhalb existiert" oder "Du kannst nicht die ganze Zeit kämpfen". Ich werde die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen Menschen und Gruppen innerhalb ihrer Zellen und ihre Rituale analysieren und weiterhin untersuchen, wie die Beziehungen und Verbindungen zwischen den Häftlingen und ihren Aufsehern geformt wurden. Diese Art des Zugangs wird zu einem ausgewogeneren und facettenreicheren Narrativ führen. Ich werde die Probleme des Gefängnislebens aus der Perspektive der individuellen Entscheidungsebene und der inneren Einstellung des Einzelnen untersuchen und möchte auf diese Weise herausfinden, bis zu welchem Grad Letzteres das System stören und seine Funktionsweise ändern konnte. Diese Vorgehensweise ist möglich, wenn man sich konkrete Rollen und Situationen anschaut. So wird es um ein Fallbeispiel eines Gefängnisarztes gehen, der sich bei der Behandlung der Häftlinge an bestehende Regeln halten musste, oder um das Beispiel eines Gefängniskommandanten, der sich sorgsam darum bemühte, den Analphabetismus im Gefängnis zu bekämpfen. Die Verhaftung und Verurteilung eines Verwandten war nie folgenlos für die Familienmitglieder des Inhaftierten. So wurden sie oftmals in ihrem Umfeld geächtet oder verloren sogar ihren Arbeitsplatz. Sie nahmen diese Situation verschiedenartig wahr, oft aber als Stigma. Daher ist es lohnenswert zu untersuchen, in welcher Weise, auf welche Kosten und mit welchen Mitteln Familienmitglieder ihren inhaftierten Verwandten unterstützten. Ein Häftling in einer Zelle eines abgelegenen Gefängnisses konnte zu einem wichtigen Bezugs- und Verbindungspunkt für eine Familie werden, die in ganz Polen verstreut lebte. Das Verhalten der polnischen Häftlinge soll außerdem mit den Erfahrungen von Häftlingen aus anderen osteuropäischen Staaten während der Zeit des Stalinismus verglichen werden. Dies soll anhand von Fallstudien des rumänischen Syghiet und des polnischen Wronki, wo sich die rauesten Gefängnisse befanden, rekonstruiert werden. Ich werde die verschiedenen Häftlingskategorien dieser Gefängnisse analysieren, ihre Haft- und Lebensbedingungen dort sowie die daraus entstehenden inneren Einstellungen der Häftlinge. Ich hoffe, dass dieses Projekt dazu beitragen kann, diese Erfahrungen, die einen beachtlichen Teil der Nachkriegsgeneration geprägt haben, besser zu verstehen.


Forschungsschwerpunkte

  • die Funktionsweise des stalinistischen Strafsystems in Polen und Ostmitteleuropa
  • Alltagsleben im Gefängnis 
  • politische Häftlinge / Gesinnungshäftlinge