Dr. Grzegorz Krzywiec

Curriculum Vitae


Grzegorz Krzywiec ist Gastprofessor am Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Polska Akademia Nauk, PAN). Er war Fellow an der Vrije Universitet Brusels in Brüssel, am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien sowie an der Universität von Tel Aviv und hatte das Bronisław Geremek Fellowship inne. Er forscht insbesondere zum polnischen Antisemitismus, den polnisch-jüdischen Beziehungen sowie zum polnischen rechten Flügel im mittel- und osteuropäischen Kontext. Momentan arbeitet er an einer Publikation, die sich mit dem modernen polnischen Antisemitismus ebenfalls im mittel- und osteuropäischen Kontext in den Jahren 1905-1914 befasst.


Forschungsprojekt am Kolleg


Ostmitteleuropäischer Faschismus, die polnische Ausführung: Ethnische Homogenität, nationale Modernität und die Wege zur nationalen christlichen Gemeinschaft in einer vergleichenden und transnationalen Perspektive. Historiker, und Sozialwissenschaftler im Allgemeinen, tendieren dazu, den polnischen Beitrag zum Vermächtnis des Faschismus in der Region zu vernachlässigen. Mein Projekt setzt sich zum Ziel mit diesem Paradigma zu brechen und zweifelt damit die Annahme an, dass die polnische faschistische Bewegung lediglich marginalen und nachahmenden Charakter gehabt hätte. Mein Forschungsprojekt wird darlegen, dass faschistische polnische Gruppen nicht nur ähnlich einflussreich wie rumänische oder ungarische waren, sondern dass sie darüber hinaus auch paradoxerweise die polnische Politik der späten 1930er Jahre geprägt haben, obwohl es in Polen nur für wenige Jahre, von 1939-1939, ein "faschistisches Regime von oben" gegeben hat.
Ausgangspunkt für meine Überlegungen ist eine frühe Form der polnischen faschistischen Massenorganisation - das Lager Großpolens (Obóz Wielkiej Polski). Diese Organisation, die über ungefähr 200 000 Mitglieder verfügte, wurde als Antwort auf Józef Piłsudski's coup d'état des Jahres 1926 gegründet und war die wahrscheinlich größte faschistische Bewegung der Region. Konkret betrachtet hat das Lager nicht viel erreicht, da es bereits 1933 durch das Piłsudski-Regime verboten wurde. Trotzdem kann man hier bereits die soziale, politische und ideologische Physiognomie des frühen polnischen Faschismus erkennen.
In meinem Forschungsprojekt wird der Faschismus in seiner polnischen Version als eine giftige Mischung aus verschiedenen Strömungen des rassischen und ethnischen Elitismus, paramilitärischer Politik, "christlicher" anti-liberaler Demagogie und - in erster Linie - radikalem Antisemitismus gesehen, eingebettet in weit-verbreitete Emotionen und Vorstellungen. Letztendlich gehe ich davon aus, dass der polnische Faschismus nennenswerten Einfluss auf die anderen osteuropäischen rechtsradikalen Strömung sowie ein übergeordnetes Ziel hatte: Die Schaffung eines neuen und mächtigen Nationalstaates, der die Region - in Opposition sowohl zu Nazideutschland als auch zur Sowjetunion - dominieren sollte.
Mein Forschungsprojekt will einige alte, scheinbar immerwährende, Fragen neu überdenken. Wo lagen die intellektuellen Wurzeln des Faschismus - allein in Italien und schließlich in Deutschland, wie es stets angenommen wird? Welche Rolle spielte die generelle Richtungsänderung der osteuropäischen Politik Mitte der 1930er Jahre? Waren seine sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ziele, ob grundsätzlich national oder in Grundzügen transnational, revolutionär, konter-revolutionär oder beides?
Ein weiteres Ziel meiner Arbeit ist der Versuch, den polnischen Fall in einem breiten europäischen und internationalen Kontext zu sehen. Da es noch immer ein Überangebot an mystifizierenden und scheinbaren Tabu-Fragen über die Natur des Phänomens, ob in Osteuropa oder in Polen im Besonderen, gibt, scheint der transnationale Zugang eine Notwendigkeit für die Bearbeitung des Problems zu sein.


Forschungsschwerpunkte



  • Antisemitismus in Polen und in Mittel- und Osteuropa
  • Rechte Ideologien und Faschismus in Mittel- und Osteuropa
  • Intellektuelle Geschichte/ Soziale Ideengeschichte



Funktionen und Mitgliedschaften


  • Mitglied der Gesellschaft für Slawische, Osteuropäische & Eurasische Studien
  • Mitglied der Stowarzyszenie Otwarta Rzeczpospolita Przeciwko Antysemityzmowi i Ksenofobii (offene republikanische Gesellschaft gegen Antisemitismus und Xenophobie)