PD Dr. Matthias Stadelmann

Curriculum Vitae


Matthias Stadelmann ist von April 2015 bis März 2016 Fellow am Imre Kertész Kolleg. Seit März 2010 ist Matthias Stadelmann Privatdozent für Osteuropäische und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, von April 2013 bis August 2014 vertrat er den Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent in Erlangen beschäftigt, die Habilitation erfolgte 2010 auf der Grundlage einer Arbeit zu "Großfürst Konstantin Nikolaevič. Der persönliche Faktor und die Kultur des Wandels in der russischen Autokratie". Promoviert zum Dr. phil. wurde Matthias Stadelmann im Jahr 2001 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit einer Arbeit zu "Isaak Dunaevskij im Musikleben der Sowjetunion. Strukturelle Hintergründe und individuelle Erfahrung einer Karriere in der stalinistischen Diktatur".


Forschungsprojekt am Kolleg


Nation, Geschichte, Sozialismus. Die kulturelle Konstruktion der Ukraine nach dem 2. Weltkrieg

Die mediale Aufmerksamkeit, die die Ukraine 2013-14 erfasst hat, beginnt nachzulassen, doch die Probleme in der und um die Ukraine sind alles andere als gelöst. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf die Heterogenität des Landes, insbesondere auf eine vermeintliche, historisch begründbare "Spaltung" des Landes in einen ost- und einen westorientierten Teil hingewiesen. Dass die ukrainischen Territorien, deren moderne Staatlichkeit erst nach der bolschewistischen Revolution greifbar wird, in ihrer Geschichte von ganz unterschiedlichen, auch gegenläufigen Einflüssen, Ereignissen und Entwicklungslinien geprägt waren, steht außer Frage, ebenso freilich, dass im 20. Jahrhundert ein ukrainischer Gesamtstaat entstanden war, der bereits als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik im Rahmen der UdSSR zentralistisch konzipiert war, dessen Bevölkerung mit großer Mehrheit für die Fortführung dieser Staatlichkeit in der Unabhängigkeit votierte und der nach 1991 als administrativ unifizierter Staat (mit Ausnahme der Krim, die den Status einer autonomen Republik erhielt) in der politologisch-zeithistorischen Einschätzung lange als einer der erfolgreichsten Reformstaaten auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion galt. Noch in der ersten Jahreshälfte 2013 hätte kaum jemand die 2014 eingetretenen Sezessionsbewegungen einzelner Regionen des ukrainischen Staates vorhersehen mögen. Folgt man nicht der derzeit mit bemerkenswerter Eindimensionalität ventilierten These, dass alles ukrainische Übel russischen bösen Willens entspringe, so stellt sich die Frage, warum die ukrainische Staatlichkeit nach fast 100 Jahren - bzw., geht man von den territorialen Gegebenheiten zum Zeitpunkt der Unabhängigwerdung 1991 aus, nach über 50 Jahren - an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu zerbrechen droht. Vor diesem aktuellen Hintergrund fragt das Forschungsprojekt nach konstituierenden kulturellen Grundlagen der modernen - und damit auch: heutigen - Ukraine. Es geht einerseits von der Grundannahme aus, dass "die Ukraine" nicht als a priori feststehende Entität, sondern als eine auf ethno-nationalen, historischen und jeweils zeitgenössischen Begründungen fußende politische Konstruktion zu verstehen ist, anderseits von der These, dass entscheidende Weichenstellungen für die Entstehung territorial-staatlicher und gesellschaftlich-politischer Identitäten in der sowjetisch regierten Nachkriegsukraine stattfanden. Auf den Punkt gebracht: Die moderne Ukraine und ihre Bevölkerung erfuhren entscheidende mentale Prägungen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Zentrale Fragestellung ist demnach, welche kulturellen Konstruktionsprinzipien eines ukrainischen Gemeinwesens auf welche Weisen in der Ukrainischen Sowjetrepublik angewandt und zur Geltung gebracht wurden. Dabei sollen jene drei mentalen Ordnungs- und Interpretationsrahmen im Mittelpunkt stehen, deren Synthese, Kontrastierung und Wechselwirkung die Spezifik und Problematik der Ukraine im 20. Jahrhundert und, in den Folgewirkungen, auch darüber hinaus, ausmachen: Nation, Geschichte, Sozialismus. Dabei soll ausblickend auch diskutiert werden, in welchen Zusammenhang ein im 20. Jahrhundert entstandenes (gesamt-)ukrainisches Selbstverständnis mit den Entwicklungen nach 2013 steht.


Forschungsschwerpunkte


  • Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert
  • Das Russische Kaiserreich im 19. Jahrhundert
  • Geschichte der Romanovs
  • Kulturgeschichte der Stalin-Zeit
  • Persönlichkeit in der Geschichte
  • Musik, Musiker und Musikleben in ihrer geschichtswissenschaftlichen Bedeutung