Vorträge 2013


„An der Schwelle zur Revolution“ – Vortragsreihe des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte

60 Jahre nach dem 17. Juni 1953 ist der gescheiterte Volksaufstand Gegenstand zahlreicher Gedenk- und Bildungsveranstaltungen. Doch während sich die meisten Veranstaltungen dem Ereignis als singuläre Themeneinheit widmen, in der Erscheinungs- und Entwicklungsformen im Vordergrund stehen, wählt das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ in Jena einen anderen Weg. In der diesjährigen Veranstaltungsreihe des ThürAZ „Aufstand, Revolte, Revolution“ - DDR-Opposition und Protestkulturen in Ostmitteleuropa 1953-1990 bildet der Volksaufstand von 1953 in der DDR den Ausgangspunkt eines inhaltlichen Konzepts, in dem länderübergreifende Wahrnehmungen von Protestkulturen innerhalb des ehemaligen Ostblocks im Mittelpunkt stehen. Anhand zentraler Ereignisse, wie dem Aufstand in Ungarn 1956, dem Prager Frühling von 1968 oder die über vielschichtige Erscheinungsformen verfügende polnische Protestkultur, werden grenzüberschreitende Wahrnehmungsmuster aufgegriffen und analysiert.
Die Vorträge:


9. Juli 2013, 19.00 Uhr, Haus auf der Mauer


Von Tauwetter und Eiszeit. Wahrnehmungen zentraler Ereignisse des Jahres 1956 in der DDR.
Podiumsdiskussion mit György Dalos und Rüdiger Stutz, Moderation: Joachim von Puttkamer
Die Geheimrede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 besaß eine politische Sprengkraft, die in den Volksaufständen Polens und Ungarns kulminierten. Inwieweit war man in einer „geschlossenen Gesellschaft” wie der DDR über die Geschehnisse in Osteuropa und Ostmitteleuropa informiert? Wie wurden vor dem Erfahrungshintergrund des 17. Juni 1953 in der DDR die ungarischen Revolutionsbestrebungen beziehungsweise deren gewaltsame Unterdrückung bewertet? Der ungarische Schriftsteller György Dalos und der Jenaer Stadthistoriker Rüdiger Stutz geben Einblicke in Wahrnehmungen und Deutungen zentraler Ereignisse des Jahres 1956.


1. Oktober 2013, 20.00 Uhr, Cafe Wagner


„Ich will nicht werden, was mein Alter ist”: Alternative Lebensmilieus in der DDR der 1970er und 1980er Jahre.
Multimediale Abendgestaltung mit Thomas „Kaktus” Grund, Wolfram Hädicke, Oliver Jahn, Sebastian Jende, Moderation: Anne Stiebritz
Wie sah jugendliche Rebellion gegen Elternhaus und Staat in der DDR aus? Inwieweit gab es Handlungsspielräume, die eine selbstbestimmte Lebensweise ermöglichten? Wo stieß man auf Grenzen und Widerstände und mit welchen Strategien wurden diesen begegnet? Die Multimediale Abendgestaltung begegnet diesen Fragen in einem Zeitzeugengespräch, deren Aussagen mit ausgewählten Quellenmaterial visuelle und akustische Untermauerung erfahren.


22. November 2013, 20.00 Uhr, Kunsthof Jena


„Die Freiheit auf Polnisch”: Der „Polski Jazz” als kulturelle Freiheitserfahrung.
mit Christoph Dieckmann und der Jazzband »As Free Ass Free Jazz«
Der Polski-Jazz entwickelte eine in den Ländern des östlichen Europas einzigartige Breitenwirkung. Er stand symbolisch für Individualität und ein selbstbestimmtes Leben. Auch unter ehemaligen DDR-Bürgern galt die polnische Jazzszene als inspirierend - und dies nicht nur in musikalischer Hinsicht. Worin lag die Attraktivität der Polnischen Jazzszene für DDR-Bürger? Inwieweit verkörperte sie eine alternative Gegenkultur und Widerständigkeit? Christoph Dieckmann wird in seinem Beitrag persönliche Eindrücke und Reflexionen seiner Begegnungen mit der polnischen Jazzszene wiedergeben. Im Anschluss daran wird die Jazzband »As Free Ass Free Jazz« spielen.


16. Dezember 2013, 20.00 Uhr, Rosensäle der FSU Jena


Zeitenwende: Vom Umgang mit dem realsozialistischen Erbe in den Ländern Ostmitteleuropas und Deutschland.
Podiumsdiskussion mit Hans-Joachim Veen, Martin Sabrow, Wlodzimierz Borodziej, Moderation: Joachim von Puttkamer
Wie gestaltet sich eine Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in den Ländern Ostmitteleuropas? Auf welche Weise wird mit der eigenen Verantwortung einer nationalen Spielart des Staatssozialismus umgegangen? Und welche Rückschlüsse lassen sich anhand dieser Feststellungen im Hinblick auf eine Aufarbeitungslandschaft in Deutschland ziehen?
Das Podium thematisiert länderübergreifend Formen und Dimensionen erinnerungskultureller Debatten, indem es nach Akteuren, Netzwerken und Zielsetzungen fragt.

Den Flyer mit der vollständigen Veranstaltungsübersicht finden Sie hier.

BUCHPRÄSENTATION: 16. März 2013 15:00 Uhr im Polnischen Institut Leipzig


Das polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972-1989


Buchpräsentation mit dem Autor Daniel Logemann (Mitarbeiter am Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk), Dr. Jan Claas Behrends (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) und Dr. Hans-Christian Trepte (Polonist, Universität Leipzig, Zeitzeuge), Moderation Prof. Dr. Joachim von Puttkamer (Jena).
Datum: Samstag, 16. März 2013
Uhrzeit: 15 Uhr
Ort: Polnisches Institut Leipzig, Markt 10



"Polnisches" übte im DDR-Alltag einen großen Reiz auf die Leipziger und Leipzigerinnen aus: Der mal ferne, mal nahe Nachbar (je nach Situation an den deutschpolnischen Grenzen) war ein Stück Westen im Osten, das von offizieller Seite stetig misstrauisch beäugt wurde. Gerade Einkaufstourismus und Schleichhandel wurden damals zu einem deutsch-polnischen Problem und beförderten anti-polnische Ressentiments vieler Leipziger.
Daniel Logemann fokussiert seine Studie brillant auf den Mikrokosmos des Alltags. Dabei betont er immer wieder den "Eigen-Sinn" der Akteure, der sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite zu Kontakten jenseits der Systemkonformität führte. Daniel Logemann bietet auch Einblicke in die Geschichte des Polnischen Kultur- und Informationszentrums, aus dem das Polnische Institut hervorging.
Daniel Logemann, geb. 1979, studierte Osteuropäische Geschichte, Polnische Literaturwissenschaft und Südosteuropastudien in Jena, Lublin und Kraków. Von 2007 bis 2010 promovierte er mit einem Stipendium der Volkswagenstiftung im internationalen Forschungsprojekt "Schleichwege. Inoffizielle Kontakte zwischen Bürgern sozialistischer Staaten 1956-1989". Für seine Dissertation erhielt er 2010 den Wissenschaftlichen Förderpreis des Botschafters der Republik Polen. Seit März 2010 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdansk.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse, dem Polnischen Institut Leipzig und dem Oldenbourg Verlag statt.