Der JenTower

Seit Anfang 2011 ist das Imre Kertész Kolleg Jena im Jentower untergebracht, der Ende der 1960er Jahre als Forschungshochhaus für den VEB Carl Zeiss Jena projektiert worden ist und bis heute sichtbares Erbe des sozialistischen Städtebaus ist. Auf der Grundlage der „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus“ vom 4. Oktober 1950 und einem Ministerratsbeschluss von 1967, den wichtigsten Stadtzentren der DDR ein neues, sozialistischen Aussehen zu geben, wurde für Jena beschlossen, das Enge Zusammenspiel von Wissenschaft und Technik auch städtebaulich sichtbar werden zu lassen. Der heutige Jentower, sollte das Forschungshochaus werden und bildete in dem Entwurf der DBA-Architektengruppe unter der Leitung von Hermann Henselmann den Mittelpunkt des Ensembles, das ursprünglich neben zwei weiteren kleineren Türmen noch umfängliche Seitenbebauungen vorsah.

Über den Entwurf und den vorgesehenen Abriss des gut erhaltenen Altstadtviertels rund um den Eichplatz, wurde in der Jenaer Öffentlichkeit nicht unkritisch diskutiert. „Es gibt (…) Einwohner, die etwa so plädieren: Vom Johannistor bis zum „Kupferhütchen“ muß alles stehenbleiben, weil Schiller und Goethe einst hier gepilgert haben.“[1] Ein Journalist der TLZ hielt den Kritikern entgegen: „Man macht es sich nicht leicht, indessen, wer für das Morgen baut, darf sich nicht im Gestrüpp falscher Zugeständnisse verlieren und das Jena der wissenschaftlich technischen Revolution sozusagen kleinkariert bauen. Menschen, die das 21. Jahrhundert meistern, wohnen nicht in dreistöckigen „Handtüchern“.[2]
In der Tat waren es einzelne Privatpersonen und die Arbeitsgruppe „Stadt- und Heimatgeschichte/ Denkmalpflege“, die versuchten, die Städten Goethes und Schillers und das Collegium Jenense zu retten, später zumindest zu dokumentieren und wertvolle Teile zu retten.
Im April 1969 wurde mit dem Abriss des Altstadtviertels begonnen und bereits im Januar 1971 wurde der Turm bezogen, durch die Friedrich-Schiller-Universität Jena, nicht das Carl-Zeiss Kombinat. Wirtschaftliche Einbrüche bei Zeiss, ein Kurswechsel der Parteiführung zu verstärkter Sozial- und Wohnraumpolitik und die einsetzende politische Tauwetterperiode, machten das Prestigeprojekt eines v.a. für militärische Produktion ausgelegtes Großforschungszentrum überflüssig. Zurück blieb der „gigantischer Planungsrest einer sozialistischen Stadtutopie, welcher große Teile der Altstadt zum Opfer gefallen sind.“[3]
Nach dem Auszug der Universität 1996, wurde in Jena heftig über Abriss oder Weiternutzung des Gebäudes diskutiert. Bis ein Investor die Immobilie Ende der 90er Jahre für einen symbolischen Preis erwarb und grundlegend sanieren ließ.
Der Turm gilt heute als Wahrzeichen der Stadt und ihrer schwierigen Geschichte.



[1] Pröhl, Gerhard: „Närrisches Nest“ – oder Zentrum“, in: Volkswacht, 20.3.1969.


[2] Kleinkariert geht es nicht, in: TLZ, 23.3.1969.


[3] Diers, Michael: Einleitung, in: Diers, Michael/ Grohé, Stefan/ Meurer, Cornelia  (Hrsg.): Der Turm von Jena. Architektur und Zeichen, Jena 1999, S. 9.