Prof. Dr. Stefan Troebst

Curriculum Vitae


Im Zeitraum April 2011-März 2012 Fellow am Imre Kertész Kolleg Jena mit einem Projekt zur Prägung des modernen Völkerrechts durch das Konfliktgeschehen im östlichen Europa (und Afrika) im 19. und 20. Jahrhundert. Seit 1999 Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas am Institut für Slavistik an der Universität Leipzig sowie Leiter des Masterprogramms "European Studies" am Global and European Studies Institute der Alma Mater Lipsiensis. Stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) Leipzig.


Forschungsprojekt am Kolleg


Das moderne Völkerrecht ist zwar qua definitionem universell, zahlreiche seiner Bestandteile weisen aber deutliche regionale Prägungen auf. Dies gilt für das aus dem osmanischen Völkermord an den Armeniern und dem nationalsozialistischen Holocaust mit seiner mittel- und osteuropäischen Dimension abgeleitete Genozid-Verbot ebenso wie für den Bereich des Selbstbestimmungsrechts der Völker, welches osteuropäisch-afrikanische Wurzeln hat, desgleichen für das uti possidetis-Prinzip samt südamerikanisch-spätsowjetisch-postjugoslawischer Ausformung. Den Innovationen des 19. Jahrhunderts bezüglich völkerrechtlicher Normsetzung und Entwicklung von Konfliktbearbeitungsstrategien in den internationalen Beziehungen - humanitäre Intervention zum Schutz religiöser Minderheiten, Internationalisierung von Meerengen und Flüssen, internationale Kongresse, Botschafterkonferenzen u. a. - folgten im 20. Jahrhundert Neuerungen wie der internationale Schutz nationaler Minderheiten, die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, die völkerrechtliche Behandlung von De-facto-Staaten oder die Klassifizierung von sexuellen Verbrechen und von Fluchtverursachung als völkerrechtliche Delikte. Erneut lassen sich regionale Konflikte als "Motor" identifizieren, und wiederum spielen das östliche Europa, hier zunächst der Balkanraum, dann die Sowjetunion mit ihrem Versuch, ein "sozialistisches Völkerrecht" zu etablieren, und nach 1991 neuerlich vor allem Südosteuropa eine Schlüsselrolle - neben der Konfliktgeschichte des spät- und nachkolonialen Afrikas. Entsprechend war es kein Zufall, dass die Hälfte der insgesamt 27 internationalen Kongresse, welche die fünf europäischen Mächte im Zeitraum 1815 bis 1914 abhielten, balkanische Fragen behandelten, was primär mit der verspätete Nationsbildung samt anschließender Nationalstaatsgründung mittels Sezession zusammen hing. Die Virulenz dieses in der Regel oberhalb der Gewaltschwelle von statten gehenden konflikthaften Geschehens in der Osthälfte Europas spiegelt sich auch in der Zahl der Staatsgründungen dort wieder: Während in West-, Süd- und Nordeuropa in den 180 Jahren zwischen 1830 und 2010 lediglich sieben neue Staaten gegründet wurden (Belgien, Italien, Deutschland, Irland, Norwegen, Finnland und Island), waren es in Osteuropa 20 - von Serbien und Griechenland zu Beginn des 19. bis zu Montenegro und Kosovo am Anfang des 21. Jahrhunderts. Den letzten Innovationsschub lösten die Kriege während des Zerfalls des serbisch dominierten Jugoslawien aus, vor allem diejenigen in Bosnien und Hercegovina sowie im Kosovo. Die Ausweitung internationaler Strafjustiz, das seit Dayton verbriefte Recht auf Flüchtlingsrückkehr sowie vor allem der neue völkerrechtliche Grundsatz einer "Responsibility to Protect" sind deutliche Belege hierfür. Die in den Krisen um Sudan oder Libyen angewandten (oder eben nicht angewandten) Völkerrechtsprinzipien haben daher eindeutige genetisch-"osteuropäische" Komponenten.


Forschungsprojekte


  • Post-Panslavismus: Slavizität, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert
  • Zwischen religiöser Tradition, kommunistischer Prägung und kultureller Umwertung: Transnationalität in den Erinnerungskulturen Ostmitteleuropas seit 1989
  • Remembering Communism (gemeinsam mit Maria Todorova)
  • Rechtskulturelle Prägungen Ostmitteleuropas in der Moderne: Produktionseigentum, geistiges Eigentum, Bodeneigentum" (gemeinsam mit Hannes Siegrist)
  • Armenier in Wirtschaft und Kultur Ostmitteleuropas (14.-19. Jahrhundert) (gemeinsam mit Christian Lübke)
  • Rivals. Dimitar Vlahov and Ivan Mihailov in the Macedonian Century, 1878-1990
  • "Kontrastmittel des Ostblocks?" - Bürgerkriegsflüchtlinge aus Griechenland in den Volksdemokratien, der UdSSR, der SBZ/DDR und Jugoslawien (1948-1982)



Forschungsschwerpunkte


  • Geschichte der internationalen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert
  • Wirtschaftsgeschichte Nordosteuropas und Eurasiens in der Frühen Neuzeit
  • Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts
  • Moderne Geschichte des Balkans
  • Geschichtsregionale Konzeptionen
  • Visuelle Geschichtskultur
  • Rechtskulturen des östlichen Europa




Funktionen/Mitgliedschaften


  • Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
  • Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung
  • Mitglied des Kuratoriums des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław
  • Mitglied des Fachbeirates Wissenschaft der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
  • Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Europäischen Netzwerks Erinnerung und Solidarität
  • Herausgeber der Buchreihe Visuelle Geschichtskultur
  • Mitherausgeber der Zeitschrift Slavic Review
  • Mitherausgeber der Zeitschrift European Review of History/Revue européenne d'histoire
  • Mitherausgeber der Zeitschrift Ethnopolitics.
  • Mitherausgeber des Jahrbuchs für historische Kommunismusforschung
  • Mitherausgeber des Clio-online-Themenportals "Europäische Geschichte" (www.europa.clio-online.de)
  • Mitherausgeber der Internet-Enzyklopädie "EGO - Europäische Geschichte Online" (www.ieg-ego.eu)